Description
Anhaltende Hitze über 30 Grad verhindert Erholung. Eine österreichweite Analyse zeigt, dass Zuweisungen und Programme an den Klimawandel angepasst werden müssen
Subject
Rehabilitation folgt einem klaren Prinzip: Patientinnen und Patienten sollen sich erholen, Belastbarkeit aufbauen und Schritt für Schritt zu körperlicher und mentaler Stabilität zurückfinden. Über mehrere Wochen hinweg strukturieren Bewegungstherapien, Anwendungen und oft auch Aktivitäten im Freien den Reha-Alltag. Doch genau dieses Setting wird durch den Klimawandel zunehmend komplexer. Hitzeperioden mit tagelangen Höchstwerten über 30 Grad, die mittlerweile nicht mehr nur auf den Sommer beschränkt sind, sondern auch schon im Frühling und Herbst auftreten können, erschweren die Rehabilitation.
Dass sich die klimatischen Rahmenbedingungen an österreichischen Reha-Standorten messbar verändern und bereits verändert haben, zeigt eine aktuelle Analyse der Fachhochschule Salzburg. Die Untersuchung wurde von der Forschungsgruppe "Advances in Resilient Health Systems and Health Education" gemeinsam mit ihren Kooperationspartnern GeoSphere Austria, der Österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit GmbH (AGES) und der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität durchgeführt. Ausgangspunkt war eine 30-jährige retrospektive Analyse von Wetterdaten, die mit den Standorten von 64 österreichischen Reha-Einrichtungen (repräsentiert durch 33 Wetterstationen) verknüpft wurden. Ziel war es, die Entwicklung von Hitzeereignissen und deren Bedeutung für das Reha-Setting systematisch zu erfassen.
Deutlicher Temperaturanstieg
Im Mittelpunkt standen dabei nicht nur einzelne Hitzetage über 30°C, sondern vor allem sogenannte Kyselý-Episoden. Darunter versteht man mehrtägige Hitzeperioden mit Tageshöchstwerten über 30 Grad, die durch fehlende nächtliche Abkühlung verstärkt werden. Die Daten zeigen einen klaren Trend: In fast allen Regionen (29 von 33 Wetterstationen) war die letzte Dekade deutlich heißer als die vorangegangenen. Als Rekordjahr der Analyse sticht 2015 hervor, gefolgt von 2003 und 2024.
Neben heißen Tagen rücken auch vermehrt heiße Nächte in den Fokus. "Wir haben im Gesundheitsbereich nicht nur das Problem einzelner Hitzetage, sondern auch längerer Hitzeperioden mit Tropennächten", sagt Projektleiterin Melanie Roth. Gerade diese Kombination erschwere die nächtliche Regeneration des Organismus, was den therapeutischen Erfolg mindern kann.
Ein zentrales Ergebnis der Analyse ist die deutliche regionale Differenz. Zwischen einzelnen Standorten zeigen sich Unterschiede von bis zu fünf Grad bei den durchschnittlichen Tageshöchsttemperaturen. Während urbane Standorte – etwa in Wien, Linz oder Eisenstadt – aufgrund von Versiegelung und Bebauungsdichte hohe Temperaturwerte aufweisen, bleiben Einrichtungen in alpinen, ländlichen Regionen wie Bad Gastein, Aflenz oder St. Radegund im Vergleich deutlich kühler.
Dabei entscheidet nicht nur die Höhenlage über Durchschnittstemperaturen. Ein Standortvorteil ergibt sich mitunter auch aus dem Mikroklima, etwa der Nähe der Reha-Klinik zu Wäldern oder Gewässern. Die Daten legen nahe, dass solche Standortunterschiede künftig stärker in die Patientensteuerung einbezogen werden könnten. Roth: "Wer aufgrund von Vorerkrankungen besonders hitzeempfindlich ist, könnte im Sommer gezielt an kühlere Standorte zugewiesen werden."
Tageszeitliche Anpassung
In einer zweiten Auswertung wurde der tageszeitliche Verlauf untersucht. Dabei zeigt sich ein konsistentes Muster: Die höchste thermische Belastung tritt zwischen 13 und 16 Uhr auf – genau jenes Zeitfenster, das in der Vergangenheit in vielen Kliniken für Outdoor-Aktivitäten wie Nordic Walking vorgesehen war. Das bereitgestellte Instrumentarium könnte nun als Grundlage dienen, um Abläufe an Standorten zu prüfen und gegebenenfalls saisonale "Sommerpläne" zu entwickeln. "Outdoor-Aktivitäten könnten in die kühleren Morgen- oder Abendstunden verlagert oder nachmittags verstärkt auf Therapien in gekühlten Innenräumen oder auf Therapien mit niedriger Belastungsintensität gesetzt werden."
Roth betont, dass die Ergebnisse ausdrücklich nicht als normative Vorgaben zu verstehen sind. Es gehe nicht darum, bestehende Praktiken zu kritisieren oder starre Regeln vorzugeben. Vielmehr soll die Analyse ein "eine evidenzbasierte Datengrundlage schaffen, auf deren Basis Einrichtungen und das Gesundheitswesen lokal bessere Entscheidungen treffen können." Die therapeutische Hoheit und die ärztliche Entscheidungsfreiheit bleiben dabei unberührt; die ausgewerteten Klimadaten an Reha-Standorten können als zusätzliche Entscheidungsgrundlage und Unterstützung dienen.
Ein weiterer Fokus zukünftiger Projekte liegt auf der individuellen Wahrnehmung von Hitze. Faktoren wie Alter, Medikation und allgemeiner Gesundheitszustand beeinflussen, ab wann Wärme als Belastung empfunden wird. Perspektivisch könnten daraus differenzierte und personalisierte Warnsysteme entstehen, die beispielsweise Pflegekräfte alarmieren, wenn in bestimmten Zimmern kritische Belastungswerte für einzelne Bewohner erreicht werden. Die Ergebnisse ordnen sich in den Nationalen Hitzeschutzplan 2025 ein. Für Reha-Einrichtungen heißt das: Die Planung von Therapien und Zuweisungen wird ohne Blick auf den Klimawandel künftig wohl nicht mehr auskommen.
| Period | 17 Jun 2026 |
|---|
Media contributions
1Media contributions
Title Der Standard Degree of recognition National Media name/outlet Der Standard Media type Web Date 17/06/26 Producer/Author Norbert Regitnig-Tillian URL https://www.derstandard.at/story/3000000322678/hitze-bringt-die-reha-an-ihre-grenzen Persons Melanie Roth, Daniela Huber
Related content
-
Activities
-
Rehabilitation im Hitzestress: Datenbasierte Erkenntnisse für eine klimasensible Versorgung
Activity: Talk or presentation › Invited talk
-
Entwicklung von Temperaturextremen an österreichischen Rehabilitationsstandorten über drei Jahrzehnte: Die RehabHeat-Studie
Activity: Talk or presentation › Invited talk
-
Projects
-
Evaluation of heat stress during outdoor activities in Austrian rehabilitation facilities
Project: Research funding pot
-
Research outputs
-
Retrospective analysis of the trends in outdoor ambient temperature at Austrian rehabilitation facility sites from 1995 to 2024
Research output: Contribution to journal › Article › peer-review
-
Press/Media
-
Hitze torpediert Reha
Press/Media
-
So können Rehazentren der Hitze trotzen
Press/Media